Alpencross – auf den Spuren von Albrecht!

Auf den Spuren von Albrecht Meine Schwärmereien nahmen kein Ende. Jahr für Jahr surrten Ursi wahrlich die Ohren, nach jeder weiteren von uns bestrittenen Alpencross. Jetzt, wo die Kinder groß genug sind und die Zeitfenster der „Freiheit“ immer größer werden wurde es also Zeit. Konditionell und fahrtechnisch bestens gewappnet sollte der Gardasee für Ursi ohne Probleme schaffbar sein. Doch welche Route wird es denn nun? Die Vorgaben für die Tagesetappen waren klar: zwischen 1500 und 1800 HM und maximal 60km am besten noch in landschaftlich schöner für uns unbekannter Gegend. Zwei dieser Kriterien mussten wir ein wenig ausdehnen. Zum einen war eine sinnvolle Planung mit der vorgegebenen Kilometerleistung nicht umzusetzen und zum anderen waren vollständig von uns unbekannte Pfade auch nur schwer zu finden. Deshalb mussten wir da ein wenig flexibler sein… Die Albrechtroute ließ sich allerdings als guter Kompromiss für uns ideal umplanen, so dass unser Zeitslot perfekt ausgenützt werden sollte.

So war es dann auch aber liest selbst:

Tag1
Die Wettervorhersage war alles andere als gut. 14 Liter Regen pro Quadratmeter und Stunde sagte unser kluges Wetter App für die Mittagszeit voraus. Was uns allerdings vorangegangen Transalps gelehrt haben, das man es trotz ungünstiger Voraussagen und Bedingungen versuchen soll. Sehr oft hat man dann doch Glück oder kann die entsprechend Etappe anpassen. Als Begleitung und Premium Shuttledienst bot sich Manni an, der dann vor lauter Begeisterung in St. Anton auf dem neu gebauten Funpark (offiziell noch nicht fertig) sich am Drop gleich zu Beginn fast in das Universum aka Krankenhaus schoss. Mit katzenähnlichen Ausgleichsbewegungen meisterte er seinen jugendlichen Leichtsinn gerade noch. Nun ging es in die von Manni und mir bereits bekannten ersten Etappe durch das Verwalltal zur Heilbronner Hütte um dann über Ischgl zur Bodenalpe unserem ersten Tagesziel. Immer wieder begann es mehr oder weniger stark zu regnen, doch der grenzenlose Optimismus von Ursi ließ imaginäre Sonnenstrahlen Fata-Morgana-gleich durch die Wolken blitzen. Während sich für Manni und mich eine pechschwarze Wolkenfront nach der anderen in das Tal drückte, nahmen Ursi’s himmelblaue Tagträume kein Ende. Wir kamen sehr gut voran, auch wenn es zunehmend kälter wurde. Auf der völlig überfüllten Heilbronner Hütte schoben wir uns ein wärmendes Süppchen rein und verabschiedeten uns von unserem Wegbegleiter Manni. Der machte sich einen Spaß daraus, verängstigte tragende und schiebende Transalpler auf dem durchnässten Trail wieder nach St. Anton zu jagen. Für uns ging die Reise weiter, bis wir dann im Aprilwettermix auf der Bodenalpe ankamen. Bodenständiges Essen und vernünftige Zimmer veranlassten mich diese Variante zu wählen und nicht wie im letzten Jahr auf der überfüllten Heidelberger Hütte zu übernachten. Immerhin waren es eh bereits 1700HM und 44km

 

 

Tag2
Bereits letzte Jahr war ich vom Fimberpass begeistert. Umso mehr freute ich mich auf diese 2 Etappe. Unser Tagesziel war in S-Charl welches wir in 1700 HM und 44 km erreichen sollten. Stress sollte deshalb ein Fremdwort bleiben und so war es dann auch. Gemütlich um 8:30 Frühstück – doch siehe da kein Mensch (Biker) war anzutreffen. Die letzten unserer Zunft verließen im Eiltempo das Gasthaus. Die Hektik der anderen sollte uns jedoch nicht anstecken. Als ich dann unseren Fuhrpark startklar machen wollte passierte das Unglück. Gestärkt durch viel zu viel ungewohnten Koffein, brach ich doch glatt den Schlüssel unseres Fahrradschlosses ab. Oh mei… was soll man nun machen? Als ungeübter Fahrradschloss-Knacker steht man dann gleich mal am Schlauch. Ich wandte die klassische Männermethode an: brachiale Gewalt. Zerren, reißen, sägen (mit kleiner Holzsäge) und beißen (rostige Beißzange) brachten mich gehörig ins Schwitzen und gefühlt keinen Millimeter weiter. Die Sache wurde auch nicht leichter, als Ursi erheitert begann die ganze Situation dokumentarisch festzuhalten. Wirre Gedanken über Versuche das Schloss mit bloßen Zähnen durchbeißen zu wollen zeigten meine Verzweiflung augenscheinlich. Nach über einer halben Stunde Schinterei kam dann endlich der erhoffte Jubelschrei. Die Etappe über das Fimberjoch entpuppte sich dann als wahrer Leckerbissen. Kein einziger Mountainbiker war weit und breit um diese späte Zeit zu sehen – wir waren allein! Etwas was wir auf der Albrechtroute bis jetzt noch nicht erlebt hatten. Es war grandios! Mir taten die ganzen Alpencrosser schon richtig leid, wie sie vermutlich Stunden vorher in Karawanen ihre Kadaver über den Pass gequetscht haben. Es musste sich anfühlen wie in einer überfüllten Saune, Schweißwade an Schweißwade. Wir genossen die Ruhe und Einsamkeit und flogen wahrlich auf dem Trail Richtung Scuol. Dabei überholten wir dann Gruppe um Gruppe, so dass wir dann wieder inmitten des Alpencross-Wahnsinns eingeparkt waren. Die Auffahrt nach S-Charl entpuppte sich als Motivationskiller. Eine Asphalt-Kehre um die andere, um dann über Schotterwege entlang riesige Bachbeete elend lang zu unserem Ziel zu gelangen. Kurz vor S-Charl änderte sich das Bild dann. Es wurde grün und lieblich. Der Gebirgsbach zog idyllisch an uns vorbei. Im urigen Gashaus Mayor, dass mit typischen Schweizer Preisen aufwartete, füllten wir unsere hungrigen Mägen und beobachteten noch lange die Ankunft weiterer Mountainbiker.

 

Tag3
Immer wieder fuhren sie vorbei. Meist männlich und im besten Alter seine Midlife-Crisis mit Sport zu kompensieren. Schwer schnaufend im hohen Gang und ganz verpissen. Wichtig dabei ist allerdings, sich diese Schmerzen nicht ansehen zu lassen. Deshalb wird meist demonstrativ gequatscht und ganz lässig vorbeigefahren. Grund für diesen ganzen Zirkus ist die holde Weiblichkeit, die wie ein Uhrwerk immer im gleichen Tempo Höhenmeter für Höhenmeter nach oben arbeitet. Ursi brachte den ein oder anderen übermotivierten Biker an den Rand der Verzweiflung. Wie bei Katz und Maus fuhren sie im Höllentempo an uns vorbei um 100 HM weiter sich von uns total ausgepowert im Straßengraben gerade noch nicht liegend, wieder überholen zu lassen. Dieses Spiel des geknickten Egos erlebten wir auf unserem Alpencross sehr häufig und führte oft zu sarkastischen Handlungen. Das bewusste Herausfordern des anderen Geschlechts machte Ursi dann wahrlich Freude und brachte ein wenig Abwechslung in die tägliche Routine. Tag 3 zeigte sich von der Besten Seite. Traumhaftes Wetter, traumhafte Landschaft und traumhafte Trail. Letzteres war dann doch nicht ganz so – da haben wir uns dann doch ein wenig mehr erwartet. Durch das Val Müstair ging es über den von Mountainbikern übervollen Pass Costainas runter nach Tschierv um dann in Richtung Val Mora wieder an Höhe zu gewinnen. Das beeindruckende Tal zeigt sich von seiner schönsten Seite, nur die intensive Sonneneinstrahlung trübte minimal das Vergnügen. Bereits nach einer Stunde waren meine Arme und Beine knusprig gebraten und würden bei einer herzhaften Grillrunde als Hauptgang ohne weiteres durchgehen. Wer mit diesen stark brennenden Gliedmaßen aber noch vor hat 500 HM in praller Sonne zu überstehen, muss kreativ werden oder leiden. Ich tat einfach beides und versuchte bei jeder Gelegenheit jede freie Körperstelle zu bedecken. Nach 1500 HM und 66 km erreichten wir dann Bormio wo auf uns dank booking.com und dem Genius Paket ein Upgrade und somit eine luxuriöse Nacht bevorstand.

Tag4
Wie an Tag 3 gilt aus auch heute von uns unbekanntes Terrain zu erkunden. Wir wollten über Grosio und dem Passo Foppa nach Ponte di Legno. Runterfahren, einmal anständig nach oben dann wieder runter und noch ein paar Höhenmeter wieder rauf. So einfach klang die Theorie! In der Praxis war es dann doch ganz anders. Wir wunderten wir uns bereits in Bormio wegen der überdurchschnittlich vielen Carabinieris. Egal wo man hinsah, überall Polizei! Die suchten wohl nicht einen Fahrradschloss-Knacker? Auf der Abfahrt nach Grosio wurden wir dann doch unmissverständlich aufgehalten und ein paar 100 Höhenmeter umgeleitet. „Il Presidente“ war im Anflug deshalb der ganze Wirbel und die Extra Höhenmeter für uns. Endlich in Grosio angekommen kämpften wir uns die recht unattraktive Asphaltstraße zum Passo Montirolo rauf. Die neu aufgezogenen Magic Marry/Hans Dampf Mischung (für die Kaisercross) klebten förmlich auf dem aufgeheizten Asphalt und ließen mich vom Racing Ralph nur träumen. Kein Hochgenuss! Irgendwann schafften wir dann auch diesen Berg zu bezwingen. Die Trailvariante glich eher einer Suche der Nadel im Heuhaufen. Alles zugewachsen und nicht wirklich Trailwürdig. Die Auffahrt nach Ponte die Legno ging dann gestärkt mit viel Zucker und Eis deutlich besser als gedacht. Alpencrosser traf man auch keine mehr, also dürfte diese Variante nicht zu den beliebtesten gehören. Im Nachhinein verständlich. 68 km un 1850 HM später rollten wir dann in unserem durchdesignten Hotel ein.

Tag5
Man kann den Gardasee schon förmlich riechen…zumindest motivieren wir uns mit den Gedanken daran. Die ersten Schweißperlen kullern bereits um 9 Uhr früh über unsere Stirn. Es ist richtig heiß und die Straße wird zunehmend steiler. Es geht sausteil durch verzaubernde kleine Ortschaften Richtung Conca del Montozzo. Die zu sonnenbrandschonenden Beinstrümpfen umfunktionierten Leggings taten zwar ihre Funktion, saugten aber zusätzlich den letzten Tropfen Flüssigkeit aus meinem Körper. Die Schotterstraße wurde so grob, dass Ursi es dem wandernden Volk gleichtat und das Bike schob. Zwei aufgestylte Carbonjünger machten es fahrenderweise vor und machte es ihnen nach. Nix mit schieben, das kann man ein andermal immer noch. Ab der Bozzi Hütte half aber das beste Doping nichts mehr. Die schattenlosen 1000 hm auf die Montozzo Scharte mussten also hart erarbeitet werden. Es wurde endlich wieder alpiner und gefühlt wilder. Der Trail war ein wahrer Leckerbissen. Flow dann wieder teschnisch – die perfekten Zutaten für eine gelungene Abfahrt. 1600hm und 48km brauchte es um unser Ziel in Dimaro zu erreichen. Eine wie wir finden würdige Etappe. Ein paar Alpencross typische Leiden kamen dann auch noch dazu. Mein Handgelenk folgte nicht mehr meinen Anweisungen, so dass das Abendmahl zu einer großen Herausforderung wurde. Mit viel Eis und gutem Zureden wollte ich die Nacht überstehen.

 

 

Tag6 
Grande Finale! Heute ist es endlich soweit: Spaghetti ala Scoglio und Rotwein steht für uns schon bereit. Doch vorher heißt es noch rackern! Auch wenn die Nacht alles andere als gut verlaufen war. Die Schmerzen im Handgelenk gingen einfach nicht weg und wurden trotz nächtlichen einfrieren und kühlen einfach nicht besser. Ich dachte schon an einen Abbruch, denn an eine einhändige Weiterfahrt war in meinem Delirium nicht vorstellbar. Gott sei Dank würde es in der Früh ein klein wenig besser, zumindest so gut, dass der Lenker mit ganz lockerem Handgriff gehalten werden konnte. Die mir bekannte und verhasste Strecke Richtung Madonna di Campiglio zeigte dieses Mal nicht ihre Zähne. Gut, bis dato mussten die 1000 hm immer zum Schluss einer Tagesetappe erklommen werden. Dieses Mal war es quasi ein Kaltstart. Frisch gestärkt vom Frühstück ging es einhändig die Forststraße entlang. Leicht unterzuckert und dehydriert erreichten wir den Bärenpass. Bald wären wir gar nicht so weit gekommen, denn mit Ursi’s Glück fuhr sie sich doch glatt eine massive Eisenstange ein. Das Resultat war eine vollständig demolierte und verbogene Bremsscheibe. Nur mit brachialer Gewalt und vollen Körpereinsatz gelang es uns die Scheibe soweit gerade zu biegen, dass eine weiterfahrt möglich war. Die unendlich lange Abfahrt vom Bärenpass und die Kilometer Richtung Arco zogen sich sehr lange. Gegen 17 Uhr erreichten wir überglücklich, mit 87km und 1800Hm in den Beinen unser Endziel Arco. Mit http://www.basic-sport.de/ ging es dann am nächsten Tag wieder nach Hause

Fazit: 
Landschaftlich schöne recht homogene Alpencross die ideal für Einsteiger gepasst hat. Persönlich war es mir zu wenig (Hoch)Alpin. Trails hätten ruhig auch mehr sein können. Nachfahrern würde ich eventuell empfehlen den Passo Montirolo auszulassen und eine Alternative zu wählen.